Der Milchbauer Martin Haab (links) produziert 800'000 Liter Milch. Er ist Vorsitzender des Zürcher Bauernverbands und vertritt die Positionen des Schweizerischen Bauernverbandes. Der Bio-Landwirt Kilian Baumann (rechts) betreibt Landwirtschaft, Rinderzucht und produziert Säfte und Bohnen. Er vertritt die Schweizer Kleinbauern. zvg

Die Schweizer Landwirtschaft steht vor wichtigen politischen Entscheidungen. Die Position der Landwirte, die über viele Stärken verfügen, war selten so stark wie heute. Analyse.

Der Präsident der Eidgenossenschaft, Guy Parmelin, ist von Beruf Winzer. Er möchte sein Präsidentschaftsjahr nutzen, um "Wirtschaft und Politik miteinander zu versöhnen".

Die Landwirtschaft braucht sie nicht einmal. In den letzten Jahren hat das Schweizer Volk landwirtschaftliche Initiativen, die strengere Regeln verlangten, systematisch abgelehnt.

Im Jahr 2021 lehnte er zwei Initiativen zur Verringerung des Pestizideinsatzes ab. Im Jahr 2022 lehnte er eine Volksinitiative zur Verringerung der Intensivtierhaltung ab, und 2024 lehnte er eine Initiative zur Steigerung der biologischen Vielfalt ab.

Angesichts der unberechenbaren Sicherheitslage in Europa rückt auch die Frage der krisenfreien Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln wieder in den Vordergrund. Ein weiteres Argument für die Bauern.

Die Unterstützung der Landwirtschaft ist derzeit so wichtig, dass selbst die Grünen nicht mehr bereit sind, sich zu präsentieren. Die Umweltabgeordneten unterstützen nicht einmal die Ernährungsinitiative: Der Text, der darauf abzielt, den Einsatz von Pestiziden sowie die Fleischproduktion zu reduzieren, wird als zum Scheitern verurteilt angesehen.

Unter der Coupole ist auch die Landwirtschaft im Aufwind. Das Bundesparlament besteht aus 38 «Bauernparlamentariern», und eine parlamentarische Lobby vertritt die Interessen des Schweizerischen Bauernverbandes. Ein Sechstel des Parlaments repräsentiert somit einen Sektor, der weniger als 1% des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Kein anderer Wirtschaftszweig ist in Bern besser vertreten.

Kurz gesagt, die Schweizer Bauern haben die Mittel, um ihre Politik erfolgreich umzusetzen. Und angesichts der großen Herausforderungen - einer neuen Agrarstrategie, neuen Zöllen und neuen internationalen Abkommen -, die vor ihnen liegen, haben sie genau das vor. Wir haben darüber mit zwei Landwirtschaftsparlamentariern unterschiedlicher politischer Couleur gesprochen: dem Grünen-Nationalrat Kilian Baumann und dem Nationalrat der Demokratischen Union des Zentrums (SVP/konservative Rechte) Martin Haab.

Die Agrarpolitik 2030
Die "Agrarpolitik 2030+", die strategische Ausrichtung des gesamten Sektors, ist heute das wichtigste Thema für die Agrarwirtschaft. Die Debatte beginnt in Kürze: Im Februar wird der Bundesrat ein erstes Dokument zur Abstimmung stellen, wie er die Landwirtschaft künftig gestalten will.

Aber was genau muss sich ändern? Die großen Ziele sind bereits bekannt: Die neue Agrarpolitik muss die Ernährungssicherheit der Schweiz gewährleisten und die Umwelt berücksichtigen. Doch für die Landwirte haben zwei weitere Ziele oberste Priorität: mehr wirtschaftliche Chancen und weniger Verwaltungsaufwand. Mit anderen Worten: Sie wollen mehr Geld und weniger Kontrollen.

Die letzte Reform hat in der Tat eine Lawine von Formularen auf den landwirtschaftlichen Betrieben und mit ihnen zahlreiche bürokratische Kontrollen verursacht.

"Der Staat hat die Bauern in Ausführende verwandelt. Sie müssen nun wieder zu Unternehmern werden", sagt Martin Haab. "Wir brauchen jetzt eine Agrarpolitik, die Ziele setzt und keine Maßnahmen vorschreibt", fügt der SVP-Vertreter hinzu.

Kilian Baumann sieht einige Vorteile in dem aktuellen System. "Die Direktzahlungen sind an Leistungen wie den Tierschutz oder hohe Umweltstandards geknüpft." Die Schweiz verfolgt somit eine Qualitätsstrategie und produziert immer ein bisschen besser als das Ausland, meint er. "Bis jetzt hat dies den Menschen die investierten Milliarden leicht gerechtfertigt." Der Bund zahlt jährlich 2,8 Milliarden Franken an landwirtschaftliche Betriebe in Form von Direktzahlungen.

Die beiden Landesräte begrüßen den Willen des Schweizerischen Bauernverbandes, seinen Umsatz auf dem Schweizer Markt künftig zu steigern. Sie sehen auch ein Potenzial in der Verkürzung der Vertriebskanäle für die Produkte und einer stärkeren Regionalisierung.

Sie sind sich auch einig, dass dies nicht mit weniger Direktzahlungen funktionieren wird, auch wenn Unternehmertum und Markt in Zukunft eine größere Rolle spielen müssen. Ohne diese staatlichen Mittel wären über die Hälfte der rund 45.000 Farmen des Landes heute geschlossen.


Die Schweiz produziert zu viel Milch: Kühe auf einer Weide in Rothenburg im Kanton Luzern. Keystone / Urs Flueeler

«Die Direktzahlungen entschädigen uns für die Einhaltung der Mindeststandards unserer Swissness: Tierwohl, Kulturstandards, Umweltschutz», sagt Martin Haab. Aber der wirtschaftliche Aspekt wurde vernachlässigt. "Wir haben 25 Jahre lang die biologische Vielfalt gefördert und viel erreicht." Er ist der Ansicht, dass dies jetzt reicht.

Für Martin Haab wie auch für den Schweizerischen Bauernverband ist klar: Zu viele Umweltanliegen bremsen die Produktivität. Dies ist besonders bei Pestiziden offensichtlich. Aus Gründen des Schutzes von Bienen oder Wasserläufen erlaubt die Schweiz keine wirksamen Produkte oder nur in Ausnahmefällen mit besonderen Genehmigungen. Aber das Fehlen dieser Pflanzenschutzmittel hat in letzter Zeit die Produktion von Zuckerrüben und Raps beeinträchtigt.

Diese beiden Kulturen sind für die Ernährungssicherheit der Schweiz wichtig. Der Selbstversorgungsgrad des Landes bemisst sich nach den produzierten Kalorien. Und gerade Zuckerrüben und Raps liefern die meiste Energie pro Quadratmeter Anbaufläche.

"Es gibt Probleme mit diesen Pflanzen", bestätigt Martin Haab. Folge: Die Selbstversorgungsrate der Schweiz ist in 15 Jahren von 60 auf 40% gestiegen. Er versäumt es jedoch, zu erwähnen, dass das Bevölkerungswachstum ebenfalls für diese Situation verantwortlich ist.


Die Schweiz produziert Schweinefleischüberschüsse: Ein Blick auf eine Schweineställe im Kanton Luzern. Keystone / Urs Flueeler

Kilian Baumann betont, dass die Schweizer Landwirtschaft mehr Milch, Schweinefleisch und Wein produziert, als der Binnenmarkt aufnehmen kann. In einigen Sektoren gibt es also bereits eine Überproduktion aufgrund unangemessener politischer Anreize. Dies führt zu niedrigeren Erzeugerpreisen, Umweltproblemen und hohen Kosten für die Bevölkerung. Es ist absurd, jetzt eine Rückkehr zu einer intensiveren Produktion zu fordern.

Zölle und freier Handel
Die Schweiz schützt ihre teure Inlandsproduktion vehement gegen billigere Importe. «Unser Zollsystem ist für die Schweizer Landwirtschaft noch wichtiger als die Direktzahlungen», so Martin Haab.

Nun hat der Bundesrat ein Zollabkommen mit den USA ausgehandelt, das Quoten für Hähnchen- und Rindfleisch vorsieht. Außerdem wurde ein Freihandelsabkommen mit dem Mercosur geschlossen, das Fleisch- und Weinimporte vorsieht.

Welchen Einfluss haben diese Abkommen auf die Schweizer Landwirtschaft? «Solange wir das Importregime über die Branchenorganisation Proviande kontrollieren können, werden die ausgehandelten Kontingente die Schweizer Landwirtschaft nicht belasten», antwortet Martin Haab.

Der Nationalrat bezieht sich hier auf eine zweite versteckte Zollbarriere, die von der Schweizer Landwirtschaft hinter den staatlichen Zollschranken errichtet wurde; über landwirtschaftliche Berufsorganisationen. Der landwirtschaftliche Sektor ist seit langem so organisiert, dass Auslandsaufträge nur dann aufgegeben werden können, wenn die inländische Produktion nicht ausreicht. Oft werden die Preise so festgelegt, dass die Verbraucher an der Kasse hohe Schweizer Preise für billigere importierte Produkte bezahlen.

Es ist daher zu erwarten, dass in Zukunft nur Produkte, die nicht mit lokalen Bauern konkurrieren und vom Markt nachgefragt werden, in die Schweiz gelangen können - und zwar zu Schweizer Preisen.

Kilian Baumann bleibt jedoch skeptisch. Seiner Ansicht nach "üben die zollfreien Mengen indirekt einen Druck auf die lokale Produktion aus". Er erwähnt die von den großen Einzelhändlern für hochwertige südamerikanische Fleischstücke praktizierten Preispromotionen, die die Verbraucher zu unrealistischen Preiserwartungen verleiten. "Wir könnten die gewünschten Produkte aus den Nachbarländern importieren. Das wäre weniger weit und leichter zu kontrollieren", meint er.

Harmonisierung mit der EU
Die Schweizer Landwirtschaft ist eng mit der europäischen Landwirtschaft verbunden. Dies zeigt sich nicht nur bei Saatgut und Sorten, sondern zunehmend auch bei zugelassenen Pestiziden. Das Parlament debattiert derzeit darüber, ob die Schweiz bereits in Nachbarländern der EU wie den Niederlanden oder Belgien zugelassene Pflanzenschutzmittel zulassen soll.

Der Nationalrat befürwortet dies. Er ist der Ansicht, dass es der Schweiz ermöglichen würde, ihre eigenen sehr kostspieligen Zulassungsverfahren zu verkürzen. Die Gegner kritisieren, dass dies den Weg für veraltete und umweltschädliche Pestizide freimachen würde. Das Thema muss noch vom Ständerat geprüft werden.

"Wir sollten uns nicht nur bei Pestiziden, sondern auch bei neuen Zuchttechnologien von der EU inspirieren lassen, denn der Pflanzenanbau ist eine transnationale Aktivität", meint Martin Haab. Er erwähnt die Möglichkeit, Gene mit der genetischen Schere zu verändern, was in der Schweiz noch tabu ist.

Auch Kilian Baumann, der sich für eine nachhaltige Landwirtschaft einsetzt, setzt seine Hoffnungen auf die EU. Nachbarländer machen Fortschritte bei der Reduzierung von Pestiziden. Wenn die Schweizer Landwirtschaft glaubwürdig bleiben will, darf sie sich nicht von den europäischen Standards abbringen lassen.»

 
Die Schweiz produziert Weinüberschüsse: Ernte von Biowein am Ufer des Genfersees. Keystone / Jean-Christophe Bott

Das mit der EU ausgehandelte Nahrungsmittelabkommen ist Teil des bilateralen Abkommens III. In den Augen von Martin Haab ist er - wie alle neuen Abkommen mit der EU, deren endgültiger Text dem Parlament im Frühjahr vorgelegt werden soll - inakzeptabel. Heute unterscheiden sich die jeweiligen Normen möglicherweise nicht grundlegend. Aber in Zukunft, mit der dynamischen Wiederbelebung des Gemeinschaftsrechts, wird die Schweiz kein Mitspracherecht mehr haben.

Für Kilian Baumann ist die Zusammenarbeit mit den Nachbarländern von entscheidender Bedeutung, nicht zuletzt deshalb, weil die Schweiz mit ihrem derzeit fleischreichen Lebensmittelkonsum auf Lebensmittel- und Futtermittelimporte aus europäischen Ländern angewiesen ist. "Mein Ziel ist, dass wir in Zukunft glaubwürdig bleiben, wenn wir behaupten, unsere Produktion sei nachhaltiger als die anderer Länder."

Source :  RTS